Bahnhof


In den letzten Tagen hatte es immer wieder ein wenig geschneit. Und auch heute wirbelten große Flocken durch die Luft. Renate hatte sich warm angezogen, einen Schal umgebunden, auch an die Handschuhe gedacht. Der Pelzbesatz an der Kapuze ihrer Winterjacke verhinderte, dass die Schneeflocken direkt auf ihrem Gesicht landeten. Sie stapfte mit ihren Schnürstiefeln durch den salzigen Matsch auf der Straße zum Bahnhof, wo der Zug schon am Bahnsteig bereitstand. Schnell fand sie den reservierten Platz, verstaute ihren Rucksack und kuschelte sich in den Sitz. Pünktlich begann die Fahrt in den Norden.

Häuser und Straßen zogen am Fenster vorbei, bis nur noch die weiße Landschaft im trüben Tageslicht zu sehen war, die irgendwo nahtlos mit dem Grau des Himmels verschmolz. Vereinzelte Gebäude und kahle Bäume waren in der zunehmenden Dämmerung auszumachen, die immer schneller vorbeihuschten. Bald hatte die Dunkelheit die Oberhand gewonnen und es gab allein hier und da aufblitzende Lichter zu sehen.
Renates Aufmerksamkeit lenkte sich mehr auf das Innere des Großraumwagens. Fast alle Plätze waren besetzt. Die Fahrgäste schienen sehr ausgeglichen zu sein, wohl in Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Gut gekleidet schwatzten, lasen oder schliefen sie ihrem Ziel entgegen. Auch Renate freute sich auf das Wiedersehen mit ihren Eltern. Seit Beginn ihres Studiums war sie nicht wieder bei ihnen gewesen, in dem kleinen, verschlafenem Dorf, wo das Haus ihrer Eltern zwischen Kneipe und Kirche eingeklemmt war. Mutter hatte sicher, wie alle Jahre zuvor, die ganze Wohnung geschmückt und Vater ganz bestimmt den Tannenbaum besorgt, unter dem die Geschenke jetzt warteten. Nach der Bescherung würden sie zum Spätgottesdienst gehen und dann den Festtag bei einem guten Glas Wein ausklingen lassen.

So in Gedanken versunken, bemerkte Renate nicht, wie die Zeit verging. Vorm Fenster herrschte tiefschwarze Nacht, bis der Zug schließlich in den Umsteigebahnhof einfuhr, einer kleinen Station mit dürftiger Beleuchtung. Renate stieg mit ein paar weiteren Fahrgästen aus. Der wohlig warme, hell erleuchtete Zug verschwand in der Dunkelheit. Hoher Schnee lag auf dem Bahnsteig und der Wind pfiff. Vom Anschlusszug war nichts zu sehen. Die Reisenden suchten Schutz vor der Kälte im Bahnhofsgebäude. Durch braune Schwingtüren betraten sie einen ungeheizten Raum, in dem Schalter und Kiosk geschlossen waren, und setzten sich auf die lange Holzbank an der Wand.

Ein junger Mann versuchte mit seinem Smartphone zu telefonieren, gab aber genervt auf. Offenbar kein Netz. Ein älterer Herr mit Lodenweste und hohen Lederstiefeln drückte seinen Filzhut fester auf den Kopf und wollte sich draußen nach einer anderen Fahrgelegenheit umsehen, während die anderen fröstelnd auf der Bank hocken blieben. Schon nach kurzer Zeit kam er schneebedeckt zurück, klopfte Schuhe, Hut und Jacke ab und stellte laut vernehmlich fest, dass es schlecht aussähe. Nicht einmal die Straße sei unter den Schneemassen auszumachen.

Eine überaus korpulente, aber freundlich dreinblickende Dame, die sich, eine bequemere Sitzposition suchend, schnaufend auf ihrem riesigen Koffer niederließ, antwortete ihm, dass dann wohl alle das Weihnachtsfest im Bahnhof verbringen müssten, was eine schlanke Frau zu der sarkastischen Frage verleitete, ob jemand einen Weihnachtsbaum dabeihabe.

Ja, ich“, strahlte ein Mann mit Hakennase und kramte aus seiner Reisetasche einen Mini-Plastik-Weihnachtsbaum, bei dem auf Knopfdruck nicht nur die LED-Kerzen leuchteten, sondern der auch „Jingle-Bells“ quäkend auf einem Kleinst-Weihnachtsbaumständer seine Runden drehen konnte. „Gut!“ freute sich die Dicke, „Der Anfang ist gemacht! Ich habe einen Klaben dabei.“ Und ungeahnt behände zog sie aus ihrem Riesenkoffer einen Christstollen hervor. „Hat jemand ein Messer?“
Hier, bitte“, beteiligte sich jetzt der ohne sein Handy plötzlich aufmerksame junge Mann am Gespräch und reichte ihr sein Taschenmesser. „Und was ist mit Kaffee?“ wollte der hakennasige wissen. Er bekam zunächst keine Antwort. „Ich hätte da was“, kicherte der Alte mit der Lodenweste und zog aus seiner Umhängetasche einen großen Flachmann, drehte den Deckel ab, füllte ihn und reichte Renate den Schnaps, die erst protestieren, dann aber die Stimmung nicht verderben wollte und einen guten Zug tat. Sie spürte den Alkohol in den Magen rutschen, aber der Klaben schmeckte ihr anschließend doppelt gut. Nachdem der Flachmann zum zweiten Mal die Runde gemacht hatte, war er geleert und der Kuchen verputzt. Die Stimmung hellte sich auf und die Dünne stimmte ein Weihnachtslied an, in das prompt alle vielstimmig einfielen. Niemand kannte die zweite Strophe und als „O Tannenbaum“ zum dritten Mal wiederholt worden war, meinte die praktische Dicke, dass noch die Bescherung ausstehe. Jeder solle von seinen Weihnachtsgeschenken, die er dabeihabe, eines nehmen, um einen anderen aus ihrer Gruppe zu beschenken. Als alle sich fragend ansahen, kramte Renate eine CD, die eigentlich ihr Vater bekommen sollte, aus dem Rucksack und reichte sie dem jungen Mann, der ihr darauf, leicht errötend, den für seine Schwester gekauften Schal übergab.

In der kleinen Runde wurden auf diese Weise merkwürdige und unerwartete Geschenke überreicht und jeder wusste zu berichten, für wen sein Geschenk ursprünglich vorgesehen war.

Plötzlich schraken alle zusammen. Durch die aufgeschobene Tür polterte ein grobschlächtiger Mann mit riesiger Taschenlampe in der Hand und verkündete, dass der Schienenersatzverkehr bereit stehe und er die Fahrgäste jetzt zum 200 Meter entfernten Bus bringen würde. Hoch erfreut ergriffen alle ihre Sachen und folgten ihm in den vorgeheizten Bus.
Renate musste als erste wieder aussteigen und drückte dem jungen Mann noch schnell einen Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand. Draußen warteten ihre Eltern. 

17. November 2019 


© Karl Hackelbusch

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